Erfolgreiche Datenrettung

Die Situation

SSD Phison SSE128GTTCR-S80 mSATA — Detail der Platine mit zwei Controllern, vier NAND-Chips und zwei RAM-Modulen
Phison SSE128GTTCR-S80: zwei Steuerprozessoren, vier Speicherchips, zwei Arbeitsspeicher auf einer einzigen mSATA-Platine — eine untypische Konstruktion mit zwei Sub-SSDs.

Wir staunen immer wieder, welche Geräte die Hersteller von PC-Komponenten zu fertigen imstande sind. Wie zum Beispiel die SSD des Herstellers Phison mit der Bezeichnung SSE128GTTCR-S80. Dieses Laufwerk war in einem Notebook verbaut, das den Betrieb einstellte. Der Kunde entnahm die SSD daher mit dem Ziel, die gespeicherten Daten mithilfe eines Adapters auf den USB-Port zu gewinnen.

An diesem Vorgehen ist nichts Ungewöhnliches — sowohl ein fortgeschrittener Anwender als auch ein gewöhnlicher Computerservice bewältigt es. Das Problem trat in dem Moment auf, als der USB-Adapter mit dem Laufwerk an einen anderen Computer angeschlossen wurde:

  • Das Laufwerk erschien im Betriebssystem als nicht initialisiert
  • Es waren keine der gewünschten Daten sichtbar

Der Kunde beurteilte die Situation richtig und kontaktierte unser Labor.

Diagnose — erster Eindruck

Das gelieferte Laufwerk wirkte schon auf den ersten Blick eigenartig:

  • Zwei Steuerprozessoren
  • Vier Speicherchips
  • Zwei Arbeitsspeicher

Eine solche Bestückung ist auf einem mSATA-Laufwerk nicht üblich.

Die Feststellung — zwei Sub-SSDs

Bei genauerer Betrachtung stellten wir fest, dass das Laufwerk tatsächlich aus zwei getrennten Sub-SSDs besteht:

  • Die erste (Haupt-)Sub-SSD — zugänglich an den gewöhnlichen, vom mSATA-Standard definierten Kontakten
  • Die zweite (sekundäre) Sub-SSD — zugänglich an den reservierten Kontakten, die normalerweise weder genutzt noch beschaltet sind

Nach dem Erkennen der einzelnen SATA-Datenleitungen konnten wir die Inhalte beider Teil-Sub-SSDs getrennt auslesen.

Rekonstruktion — RAID 0 ohne Dokumentation

Hexadezimale Analyse der RAID-0-Metadaten der Phison SSE128GTTCR-S80 — Bestimmung von Stripe Size und Offsets
Hex-Dump einer der Sub-SSDs — aus den Metadaten bestimmen wir Stripe Size, Laufwerksreihenfolge und Offsets des RAID-0-Arrays.
Schema des RAID-0-Layouts der Phison SSE128GTTCR-S80 — Sektor-Mapping zwischen den beiden Sub-SSDs
Das rekonstruierte RAID-0-Layout — wie die Daten über beide Sub-SSD-Chips gestriped sind.

Damit war die Rettung jedoch bei Weitem noch nicht beendet. Es war nötig, die gewonnenen zwei Datenblöcke zu einem Ganzen zusammenzufügen. Durch eine tiefere Analyse stellten wir fest:

  • Die Daten wurden als RAID-0-Array (Striping) über beide Sub-SSDs verwaltet
  • Durch Analyse der Metadaten bestimmten wir die Array-Geometrie — Stripe Size, Laufwerksreihenfolge, Offsets

Erst nach diesem Schritt erhielten wir Zugriff auf die vollständige Ordner- und Dateistruktur.

Wiederhergestellte Dateistruktur der Phison SSE128GTTCR-S80 — vollständiger Ordnerbaum
Endgültige Rekonstruktion des Dateisystems: der vollständige Ordner- und Dateibaum aus den kombinierten Daten beider Sub-SSDs.

Das Ergebnis

  • 100 % der Daten wiederhergestellt
  • 5 Tage Laborarbeit einschließlich Metadatenanalyse
  • Vollständige Dateistruktur — keine beschädigten Indizes

Die Lehre

Obwohl manche Fälle der Datenrettung auf den ersten Blick trivial erscheinen mögen, kann das Gegenteil der Fall sein. Und so gilt erneut, dass Datenrettung eine hochspezialisierte Tätigkeit ist, die ein breites Spektrum an Wissen und Erfahrung erfordert.

Untypische Konstruktionen (RAID in einem einzigen Laufwerk, proprietäre Synology-SHR-Formate, integriertes NAND in MacBook T2/M1) treten heute immer häufiger auf. Gewöhnliche Recovery-Programme kommen damit nicht zurecht — und ein Kunde, der in die Situation „ein gewöhnlicher USB-Adapter hilft nicht“ geriete, käme ohne unser Labor nicht an seine Daten.


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