Erfolgreiche Datenrettung

Situation

Der Kunde kontaktierte uns auf Empfehlung. Der Computer, auf dem sein Hochzeitsvideo gespeichert war, überlebte einen Blitzeinschlag nicht. Das Gewitter war direkt am Haus, der Blitz schlug in den Transformator ein. Der Computer meldete Fehler und startete nicht mehr.

Nach einer Diagnose in einem anderen IT-Service stellte sich heraus, dass die SSD vollständig tot war — nicht einmal das BIOS erkannte sie. Das Laufwerk war eine ADATA ASU630SS 480 GB SATA SSD. Der Kunde hatte die Hochzeitsvideos darauf gespeichert sowie eine microSD-Sicherung, die nach Aussage des Kunden „identische Daten” enthielt. Auf der SSD lagen die originalen Rohvideos aus der Kamera.

ADATA ASU630SS 480 GB SSD mit geöffnetem Gehäuse — sichtbar die Platine mit 8 NAND-Chips und einem verbrannten Stromversorgungsbereich
ADATA ASU630SS nach dem Öffnen. Auf der linken Seite der Platine ist der karbonisierte Bereich der Stromversorgung zu sehen — das typische Bild nach einer Netzüberspannung.

Diagnose

Nach dem Öffnen des Laufwerks sahen wir das klassische Bild eines Überspannungsschadens:

  • Der Eingangsbereich der Stromversorgung war buchstäblich verbrannt. Die Leistungs-MOSFETs waren karbonisiert, die umliegenden Widerstände verbrannt, und auf der PCB war eine thermische Zone von etwa 2×3 cm sichtbar.
  • Null Stromaufnahme am Stromanschluss. Nach dem Anschließen reagierte das Laufwerk überhaupt nicht — das bedeutet eine Schädigung der Stromversorgungskette.
  • Der Controller (Realtek RTS5738) wies keine sichtbare Beschädigung auf, war aber elektrisch inaktiv.
  • Die NAND-Chips waren visuell unversehrt. Acht Micron-TLC-Chips, je 64 GB.

Hypothese: Die Stromversorgung ist vollständig zerstört, der Controller ist entweder ebenfalls verbrannt (wahrscheinlich) oder lebendig, aber ohne Stromversorgung. Der Speicher sollte in Ordnung sein, da die Überspannung über den Stromversorgungspin und nicht über die Daten-/Steuerpins lief.

Zwei Ansätze:

  1. Platinenreparatur — Reparatur der Stromversorgung, Diagnose des Controllers. Wenn er funktioniert, erneut anschließen und auslesen. Chance ~30 % (Controller vermutlich tot).
  2. NAND-Chip-off + externes Auslesen — alle 8 NAND-Chips ablöten, über PC3000 Flash auslesen, Software-Rekonstruktion der Daten gemäß ADATA/Realtek-FTL.

Angesichts der Priorität (die rohen Hochzeitsvideos) und des Risikos von Szenario 1 (toter Controller = mehr Arbeit für dasselbe Ergebnis) gingen wir direkt zum Chip-off über.

Detail der ADATA ASU630SS PCB mit dem Realtek-Controller und den zum Ablöten vorbereiteten NAND-Chips
Der Realtek-RTS5738-Controller in der Mitte, die Micron-NAND-Chips ringsum. Vor dem Ablöten dokumentierten wir die Position jedes Chips — bei der FTL-Rekonstruktion kommt es darauf an.

Lösung

Elf Tage, von denen der Großteil in die Software-Rekonstruktion floss:

  1. Tag 1: Diagnose, Entscheidung über das Vorgehen, Freigabe durch den Kunden.
  2. Tag 2–3: Ablöten aller 8 NAND-Chips. Infrarot-Lötstation, Temperaturprofil 230 °C, ~70 Sekunden pro Chip. Der riskanteste Teil — die Chips sind BGA, und bei Überhitzung werden die Mikrokugeln darunter zerstört.
  3. Tag 4: Reballing aller 8 Chips. Jeder erhielt einen neuen Satz Mikrokugeln für den Anschluss an den Flash Reader. Unter dem Mikroskop, von Hand.
  4. Tag 5–6: Auslesen aller Chips über den PC3000 Flash Reader. Acht Roh-Dumps von je etwa 64 GB wurden gewonnen.
  5. Tag 7–8: FTL-Rekonstruktion. Hier erwarteten wir den schwierigsten Teil — der Realtek RTS5738 hat einen halbproprietären Wear-Leveling-Algorithmus. Glücklicherweise ist er in der Flash-Extractor-Datenbank beschrieben (wir besitzen eine Lizenz). Nach 2 Tagen haben wir die logischen Blöcke.
  6. Tag 9–10: Parsen des Dateisystems. Der Kunde hatte Windows 10 NTFS. Die MFT war intakt, die meisten Daten waren direkt lesbar.
  7. Tag 11: Export der Hochzeitsvideos, Fotos und weiterer Dateien. Integritätsprüfung der MP4-Header. 93 % der Dateien fehlerfrei lesbar, 5 % mit kleinen Artefakten (einige H.264-Frames beschädigt), 2 % fehlen.

Ergebnis

  • 93 % der Daten wiederhergestellt (etwa 340 GB von 365 GB belegter Kapazität)
  • 11 Tage insgesamt
  • Hochzeitsvideo — 3 Stunden Rohaufnahme, alles ohne Artefakte wiederhergestellt.
  • Fotos vom Hochzeitstag — alle wiederhergestellt.
  • Übrige Dateien — 95 % wiederhergestellt.

Der Kunde nahm die Daten auf einer externen SSD mit. Er schrieb: „Ich habe es meiner Frau gezeigt. Sie hat geweint. Danke.”

Erkenntnisse

Zum Schutz der Elektronik vor Blitz und Überspannung:

  1. Ein Überspannungsableiter am Sicherungskasten ist das Minimum. Er kostet ein paar Tausend und schützt das Haus. Wenn der Blitz in den Transformator einschlägt, breitet sich über die Leitungen eine Überspannung von mehreren zehn kV aus.
  2. Überspannungsschutzleisten (Steckdosen mit Schutz) sind die zweite Linie. Für einen teuren PC, ein NAS oder einen Router sind sie Pflicht. Billige Versionen sind schlechter als nichts, weil sie ein internes Bauteil durchbrennen und Ihnen die Illusion von Schutz geben.
  3. Sicherung, Sicherung, Sicherung. Eine Kopie auf dem Computer + eine zweite auf einer externen HDD + eine dritte in der Cloud (Google Drive, OneDrive, Backblaze). Wenn der Blitz einschlägt und alles im Haus durchbrennt, überlebt die Cloud.
  4. Eine USV schützt vor kurzem Ausfall und teilweise vor Überspannung. Für einen Arbeits-PC mit wichtigen Daten (kreative Arbeit, Buchhaltung) ist sie eine gute Investition.

Für SSD-Besitzer allgemein:

  • Eine SSD stirbt nicht allmählich wie eine HDD. Meist von einer Minute auf die andere, ohne Vorwarnung. SMART zeigt bis zu dem Moment, in dem sie tot ist, einen guten Zustand an.
  • Sichern Sie regelmäßig, nicht „wenn Zeit ist”. Ein Backup pro Woche hätte in diesem Fall alle 11 Arbeitstage erspart.
  • Äußere Überspannungsableiter am Hausanschluss schützen Ihre Elektronik mehr, als Sie denken. Wenn das Haus keinen hat, ist es eine Investition in alle zukünftigen PCs.

PRO-TIPP

Wenn Sie nach einem Gewitter einen nahen Blitz hören, trennen Sie PC und NAS lieber physisch von der Steckdose. Eine eingeschaltete Überspannungsschutzleiste ist besser als nichts, aber das physische Trennen ist die Sicherheit. Ein paar Minuten Unbequemlichkeit können Ihnen 11 Tage Chip-off-Recovery ersparen.


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